Bitte Platz nehmen!

27 02 2008

Der feine Unterschied zwischen „platznehmen“ und „Platz nehmen“, dem auch Rechtschreibreformer nachsinnen dürfen …

Kommt es Ihnen vor, als hätten sie dort, wo Sie sich gerade niedergelassen haben, viel Platz – oder eher wenig?

Wie fühlt es sich an, möglichst wenig Platz einzunehmen? Spüren Sie ein paar Mal dem bewußten Wechsel zwischen Viel-Platz-Haben und Möglichst-Wenig-Platz-Einnehmen nach. Wieviel Platz ist dann jeweils in mir selbst – für meinen Atem beispielsweise?

Was löst die folgende Erfahrung in Ihnen aus: Den eigenen Platz austasten – an Grenzen stoßen und diese möglicherweise verschieben – mir Platz verschaffen oder mich zurücknehmen?

Wollen Sie noch weiterspinnen: Wie verschaffe ich mir im Leben Platz? Welchen Platz muß ich in meinem Leben verteidigen – und wie tue ich das? Wo lasse ich mich im Alltag einengen?

Eine zentrale Erfahrung: Den eigenen Platz bis an die Grenzen auszutasten oder gar zu erweitern, kann neue Räume eröffnen. Doch manchmal braucht man die Sicherheit innerhalb festgesteckter Grenzen.

Und eine wichtige Anfrage: Was ist das jeweils Sinnvollere – Rückzug oder Ausdehnung?



Homo logotherapeuticus

22 02 2008

Wie sieht das Menschenbild der Logotherapie aus?

Logotherapeuten blicken auf die spezifisch menschliche Begabung zur Selbst-Überschreitung und Selbst-Distanzierung. Ihr Bild vom Menschen zeigt schöpferische und liebende Wesen, die sich ganz einer Aufgabe oder einer Person hingeben. Es zeigt leidende Menschen, die ihr unabänderliches Schicksal bewundernswert gestalten. Und es ermutigt Menschen, sich „von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen.“

Ich denke an den sensiblen, klugen Pädagogen, dessen dritte depressive Phase schließlich stationär behandelt werden mußte. Jetzt sitzt er mir gegenüber: stabilisiert und arbeitsfähig, doch voller Scham und Selbstzweifel wegen seiner „Schwäche“.
„Die Veranlagung zur Depression ist ein mütterliches Erbe“, erkläre ich ihm. „Nicht unbedingt eine willkommene Gabe. Aber es ist die spezielle Auf-Gabe, die das Leben Ihnen stellt.“
Mein Gegenüber merkt auf.
„Wenn die Depression zuschlägt und Sie in die Knie gehen, dann ist das keine Schwäche. Doch wie Sie dieses schwere Erbe gestalten, darin zeigt sich Ihre Stärke.“

Der Patient blickt mich fragend an. Deshalb fahre ich fort:
„Sie können mit Ihrem Schicksal hadern und verzweifeln. Sie können aber auch Abstand nehmen, denn Sie sind viel mehr als nur Ihre Krankheit. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Sie zu Ihrer Krankheit Stellung beziehen können. Sie können die Verlusterfahrungen in Ihrem Leben therapeutisch bearbeiten. Sie können auch lernen, auf Warnsignale zu achten und so neuen Einbrüchen vorzubeugen. Falls sie trotzdem in eine depressive Phase rutschen, dann können Sie diese mit wirksamen Medikamenten behandeln. Und Sie können lernen, die schwere Zeit wie eine schwarze Wolke vorbeiziehen lassen – weil sie darauf vertrauen, daß sich die Sonne irgendwann wieder zeigt.“



Garten-Sinn

15 02 2008

Lieber Schwager,

die Revolution beginnt!

Hast Du das etwa kommen sehen, als Du letztes Jahr ganz meditativ ein paar Pflanzen in die sandige Erde unseres Naturschaugärtchens setztest? Ich jedenfalls nicht!

Nichtsahnend bin ich noch vor ein paar Wochen über die Granitplatten zum Müllcontainer geflitzt. Husch, husch zurück ins Warme – weil ich wieder mal zu faul war, für diese zwei Minuten Frischluftkontakt den Anorak aus dem Dielenschrank zu holen.

Kurz nach Neujahr habe ich zwar gestutzt: Wo kommt plötzlich das Schnittlauch unter der Strauchkronwicke her? Das sollte ich im Auge behalten! Aber dann rührte sich dort nichts weiter …

An einem sonnigen Januarmorgen flitzte überraschend der Igel aus dem Nachbargarten über die Terrasse. Doch auch er hatte es eilig, zurück in sein molliges Blätterquartier zu kommen. Der Winterfriede schien ungetrübt.

Konnte ich denn ahnen, daß es kein Zurück mehr geben würde, als sich die erste Christrosenblüte öffnete? Ich zog die Rolladen hoch – da strahlte sie mir schon am frühen Morgen entgegen: ihr cremiges Weiß arglos geöffnet; den gelben Stempelkranz schutzlos preisgebend. Ein zarter Unschuldsengel im winterlichen Gartenparadies.

Ich war gerührt. In den folgenden Tagen ließ mich jede Frostmeldung um ihr Frühblüher-Wohl fürchten. Doch sie strahlte unbeirrt.

Dieses Wunder mußte ich mir genauer anschauen!

Und da entdeckte ich sie: die vielen weißen Knospen an den beiden Christrosenschwestern – die grünen Antennen der Schneeglöckchen am Terrassenrand – die entschlossen sprießenden Traubenhyazinthen entlang des Weges.

Weiße Unschuld? – Alles Tarnung! Es fiel mir wie Schuppen von den Augen: „The times they are a-changing!“

Deine Schwägerin



Was ist eine tragfähige, wertschätzende Beziehung?

14 02 2008

Sigmund Freud beschreibt die ideale therapeutische Beziehung gegen Ende seines Lebens wie folgt: „Es gibt einen Moment, in dem der Analytiker den Patienten liebt, und der Patient weiß das und ist dann geheilt.“ Lawrence LeShan deutet diese Worte so: „Die Patienten müssen erfahren, daß der Analytiker weiß, wer sie wirklich sind, und sie so liebt, wie sie sind. Erst wenn wir wissen, wer wir wirklich sind, und erst wenn wir um unsrer selbst willen geliebt werden, können wir uns geliebt fühlen und diese Liebe annehmen.“

Frankl fügt diesem Beziehungs-Begriff ein wesentliches Element hinzu: Er blickt nicht nur auf den Patienten, so wie er wirklich ist, sondern auf die einmalige und einzigartige Person, „wie Gott sie gemeint hat“.

Er verweist in diesem Zusammenhang auf Goethe: „Wenn wir die Menschen nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter. Wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.“ (Ärztliche Seelsorge)

Als Logotherapeutin sehe ich in den Größenphantasien des gestrandeten Süchtigen nicht nur Narzißmus und Kompensation. Ich spüre seiner Sehnsucht nach: dem Wunsch, als einmalige und einzigartige Person erkannt und angenommen zu werden. Und bestärke ihn darin, daß sein ganz persönliches Ringen um Abstinenz ihn einmalig und einzigartig macht.



Bitte platznehmen!

9 02 2008

Wo haben sie platzgenommen, um diese Zeilen zu lesen? Ist es Ihr „eigener Platz“? Oder fühlen sie sich am „falschen Ort“?

Nicht nur Katzen und Kinder haben ihre Lieblingsplätze. Und nicht nur Dichter erkennen: „Die einen stehn im Dunkeln und die andern stehn im Licht…“ Jeden von uns bewegt die Frage nach dem eigenen Standort, nach seinem „Lebensplatz“.

Was stellt sich ein, wenn ich nicht da stehe, wo ich hingehöre – wenn ich „fehl am Platze“ bin?

Es ist auch aufschlußreich, dem eigenen Niederlassen nachzuspüren: Was läßt sich von mir nieder? Wo spielt sich das in meinem Körper ab?

Gibt es etwas, was Sie hindert, sich niederzulassen? Und was nehmen Sie wahr, wenn Sie bewußt vermeiden, sich niederzulassen? Spüren Sie ein paar Mal dem bewußten Wechsel zwischen Niederlassen und Vermeiden nach. Was kann nicht „Platz nehmen“?

Erst wenn ich mich am „eigenen Platz“ niedergelassen habe, stellt sich das Gefühl von Zustimmung, von Entspannung und Ordnung ein. Dann kann ich die leise Anfrage in meinem Innern vernehmen: Welche Möglichkeit soll ich an diesem Platz verwirklichen?



Begegnung

4 02 2008

„Einem Menschen begegnen heißt, von einem Geheimnis wachgehalten werden.“ (E. Lévinas)

Diesem Geheimnis kann man sich nähern, indem man gemeinsam versucht, den „Lebens-Roman“ des Gegenübers zu verstehen.

Frankl selbst drückt seine Hochachtung vor der Lebensleistung des Patienten mit dieser Metapher aus: „Der ´Roman`, den einer gelebt hat, ist noch immer eine unvergleichlich größere schöpferische Leistung als der, den jemand geschrieben hat.“ (Ärztliche Seelsorge)
Ich greife dieses Sprachbild gerne auf. Es zeigt anschaulich, wie Logotherapie „funktioniert“. Die beiden folgenden „Basics“ sind dabei natürlich vorausgesetzt:

- eine tragfähige, wertschätzende Beziehung und
- ein tragfähiges, wertschätzendes Menschenbild.



Wie startet man ein Logotherapie-Blog?

1 02 2008

A. Mit einer wissenschaftlichen Abhandlung über die Grundlagen der Logotherapie?

B. Mit Plaudereien aus dem logotherapeutischen Nähkästchen?

oder:

C. Indem man dem „Meister“ selbst das Wort erteilt?

Ich entscheide mich für C. und schlage „meinen Frankl“ auf. „Der Mensch will nicht glücklich sein“, lese ich da. Das fängt ja gut an!

Weshalb kommen sie denn sonst zu mir: die unglückliche Jura-Studentin mit ihrem Waschzwang – der unglückliche arbeitslose Bankkaufmann nach dem zweiten Psychiatrie-Aufenthalt – die unglückliche, überlastete Job-Familien-Pflege-Managerin?

„Ich will endlich wieder glücklich sein!“, seufzen sie meist zu Beginn und schildern dann ausführlich, was sie am Glücklich-Sein hindert:

- das Zwangsritual und der Drang nach Perfektion

- die therapieresistenten Symptome und die soziale Ausgrenzung

- die Doppel- und Dreifach-Belastungen im ganz normalen Alltagswahnsinn.

Und dann soll ich diesen Mühseligen und Beladenen Frankl entgegenhalten: „Ach, wissen Sie, der Mensch will ja gar nicht glücklich sein …“? Getreu der Karikatur von Donald F. Tweedie: „In der Psychoanalyse liegt der Patient auf der Couch und muß dem Analytiker Dinge sagen, die unangenehm sind. – In der Logotherapie darf der Patient sitzen und muß sich Dinge anhören, die unangenehm sind.“

So „funktioniert“ Logotherapie natürlich nicht! Wie jede hilfreiche Beziehung gründet auch sie nicht auf Worten, sondern auf einer personalen Begegnung.