Definitionsversuche

27 03 2008

Kennen Sie eigentlich eine treffende Definition von Logotherapie? Hier können Sie sich bedienen …

Logotherapie im Wissenschaftsjargon:
„Angestrebt wird eine analytische Erhellung des Sinnes der personalen Existenz unter Einbeziehung gegenwärtiger Geschehnisse.“ (T. Payk)

Alles klar?

Wenn nicht – hier eine der zahlreichen Erklärungen des Begründers:
„Der Mensch ist ein Wesen auf der Suche nach Sinn. Dem Menschen Beistand zu leisten in der Sinnfindung ist eine Aufgabe der Psychotherapie, ist die Aufgabe der Logotherapie.“ (V. E. Frankl)

Und schließlich – Logotherapie poetisch definiert durch Hilde Domin:

Nicht müde werden,
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Raten Sie mal, welche Definition von Logotherapie mir am besten gefällt?



Wer ist eigentlich dieser V. E. Frankl?

22 03 2008

Aus der Fülle seines 92 Jahre umfassenden Lebens greife ich zunächst heraus, was mir als Mitte dieser Vita erscheint: Viktor Emil Frankl als „homo patiens“ – ein leidender Mensch.

Gehen wir zurück ins Jahr 1938. Nach dem „Anschluß“ Österreichs an das Deutsche Reich muß der junge Facharzt für Neurologie und Psychiatrie seine Privatpraxis aufgeben. Er kommt als Leiter der neurologischen Abteilung ins Rothschildspital, was ihm und seinen alten Eltern zunächst einen gewissen „Transportschutz“ gewährt. Doch 1942 wird er mit seiner jungen Frau und seiner Familie deportiert. Bei der Selektion in Auschwitz geht das sorgsam ins Mantelfutter eingenähte Manuskript seines Erstlingswerkes „Ärztliche Seelsorge“ verloren. Zwischen Deportation und Befreiung ist Frankl in vier verschiedenen Konzentrationslagern interniert. Die Eltern, der Bruder und Frankls junge Frau überleben die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten nicht. 1945 kehrt er als Einziger aus seiner Familie nach Wien zurück.

Über seine Erfahrungen im Konzentrationslager schreibt er bereits 1946 ein Buch: „…trotzdem Ja zum Leben sagen“, das nach Meinung von Karl Jaspers „zu den wenigen großen Büchern der Menschheit“ gehört.

Was Viktor Frankl als „leidenden Mensch“ auszeichnet, läßt sich in diesem Büchlein nachlesen: „Wir müssen lernen und die verzweifelten Menschen lehren, daß es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!“

Das ist es: Frankl läßt sich – selbst in scheinbar ausweglosen Situationen  – vom Leben befragen und gibt – unter allen Umständen – eine Antwort: Ja!



Mein Brett vor dem Kopf

17 03 2008

Wir alle laufen mit einem Brett vor dem Kopf herum. Hier eine kleine Bretter-Auswahl:
- Beeil Dich!
- Sei perfekt!
- Man müßte eigentlich …
- Es gibt soviel zu tun.
Versuchen Sie es doch mal mit Dickbrett-Bohren – denn:

Ein Bohrloch im Brett vor dem Kopf erweitert den Horizont beträchtlich!

Vielleicht kommen ganz neue Perspektiven in den Blick:
- Laß Dir Zeit!
- Sei Du selbst!
- Mach´ etwas wirklich, anstatt es nur zu probieren!
- Kümmere Dich auch um Deine Bedürfnisse.



Garten-Sinn

15 03 2008

Lieber Schwager,

pünktlich zur Monatsmitte sende ich Dir den nächsten Lagebericht von der Naturgärtchen-Front:

Was ist das: Es lugt aus dem Boden wie ein Krokus. Es treibt Knospen wie ein Krokus. Es trägt die Fliederfarbe von Krokussen..?

Du hast es sicher schon längst erraten. Es ist die Frühlingslichtblume!

Sie täuscht den ahnungslosen Betrachter bis zu dem Moment, in dem sie ihre fiedrigen Blütenblätter entfaltet. Da ist es auf einmal vorbei mit der Krokusähnlichkeit.

Wenn die Sonne vom Himmel lächelt, erwidert die Frühlingslichtblume den Wärmegruß. Als sei ein pastellfarbener Stern auf die reifüberzogene Gartenerde gefallen.

Ich stehe am Terrassenrand in der hellen Märzsonne und lasse mich entführen: übers Lila-Lichtblumen-Meer zu den weißen Schneeglöckchen-Inseln und der Safranstengel-Küste in der Ferne…

„Und dreut der Winter noch so sehr …“ – Frühling, ich komme!

Deine Schwägerin



Logotherapie in Sanssouci

13 03 2008

Waren Sie schon einmal im Schloßpark von Sanssouci? Da steht im Zentrum das Lustschlößchen „Sorgenlos“ – eine ´coole Hütte` im O-Ton meiner Söhne. Ringsum wunderschöne Weinberg-Terrassen und ein herrliches Gartenparterre mit reizvollen Überraschungen hinter jeder Wegbiegung – stundenlanges Spaziergänger-Glück! Doch wissen Sie, was mich von all diesen Finessen am nachhaltigsten beeindruckt hat?

Der Blick auf den Ruinenberg.

Da erteilt der Große Fritz den Auftrag, das riesige Wasserreservoir für die geplanten Schlosspark-Fontänen zu umbauen. Mit einer weithin sichtbaren antikisierenden Ruinenlandschaft. Mag sein, daß diese Geschichtsverliebtheit damals gerade angesagt ist. Für mich hat sie aber noch eine tiefere Bedeutung. Wenn der Preußenkönig morgens aus seinem Schlafgemach blickt, sieht er meiner Meinung nach nicht nur mit wohlkalkulierter Wehmut zurück in die idealisierte Antike. Er sieht viel mehr: Der Ruinenberg ist seine tägliche Erinnerung daran, daß auch das Leben eines Großen Königs Fragment bleibt. So wie jedes Menschenleben Fragment ist…

Diese Geschichte erzähle ich meinen Klienten gerne, um ihnen den Sinn der Paradoxen Intention bei Ängsten und Zwängen zu verdeutlichen.

Für die Logotherapie steht nämlich die Verdrängung dieser Tatsache – daß der Mensch Fragment ist – im Zentrum der krankmachenden Teufelskreise bei Ängsten und Zwängen. Und die logotherapeutische Methode der Paradoxen Intention führt zu einer gelassenen Auseinandersetzung mit diesem verleugneten Thema.

Und dann schiebe ich die Pointe von Sanssouci nach: „Die Wasserspiele von Sanssouci bleiben Fragment. Friedrich der Große gibt seine kostspieligen Springbrunnen-Pläne nach jahrelangen Fehlversuchen schließlich auf. Und wissen Sie warum? Weil er Frankl und die Paradoxe Intention verstanden hat an jenem Karfreitag 1754 – als nämlich eine Fontäne in seinem wunderschönen Schlossgarten durch herabbrausendes Schmelzwasser zu sprudeln beginnt: ganz unbeabsichtigt und nur für dieses eine Mal!“



„Schmetterling und Taucherglocke“

10 03 2008

Was für ein merkwürdiger Titel: „Schmetterling und Taucherglocke“!

Mit dieser Metapher bringt ein Mann seine existentielle Situation auf den Punkt. Zugegeben: Es ist eine Grenzsituation, in die Jean-Dominique Bauby nach einem Schlaganfall vollständig gelähmt aus dem Koma erwacht. Ganz langsam begreift der ehemalige Chefredakteur, daß er sich nur noch mittels Augenzwinkern mit seiner Umwelt verständigen kann. Damit ist er ein „homo patiens“ – ein leidender Mensch.

Menschen wie er stehen für Frankl im Zentrum seines Denkens und Handelns. Der „homo patiens“ – das ist einer, der mit seinem Latein am Ende ist, der nicht mehr gescheit daherreden kann, der möglicherweise schon lange verstummt ist.

Seine Kategorien heißen längst nicht mehr Erfolg und Misserfolg. Er hat nur die Wahl zwischen Sinnlosigkeit und Sinn – zwischen den Extremen Verzweiflung und Erfüllung. Die Ebene, in der Erfüllung und Verzweiflung liegen, steht jedoch senkrecht zur Linie des Erfolgsdenkens. Die Kategorienpaare gehören zwei verschiedenen Dimensionen an.

Und deshalb kann sich der leidende Mensch noch im Misserfolg und Scheitern erfüllen – und „trotzdem Ja zum Leben sagen.“

Wie Jean-Dominique Bauby, der seiner Sekretärin durch Zwinkern das wunderbare Buch „Schmetterling und Taucherglocke“ diktiert, bevor er seine Augen für immer schließt.

„Der Mensch ist nicht frei von Bedingungen, aber ist frei, die ihm gegebenen Bedingungen im Rahmen seiner Möglichkeiten zu gestalten“, schreibt Viktor E. Frankl. Der Begründer der Logotherapie hätte sicher bewundernd anerkannt, wie Jean-Dominique Bauby diesen logotherapeutischen Grundsatz als Locked-in-Patient bestätigt. Davon können sich jetzt auch deutsche Filmliebhaber ab 27. März im Kino berühren lassen. (www.schmetterling-und-taucherglocke.de)



Reiz-Stop

7 03 2008

28 E-Mails im elektronischen Postfach – 9 Anrufe auf der T-Net-Box – und die Ablage voll unbeantworteter Briefe: Wie unterscheidet man in dieser Flut von Reizen Wesentliches von Unwesentlichem?

Wenn Sie sich momentan nicht in einen indischen Ashram zurückziehen können und auch die nächste Kartäuser-Klause zu weit entfernt liegt, versuchen Sie es mal damit:

Lehnen Sie sich kurz zurück, lassen Sie die Augen zufallen und legen Sie sich in Gedanken auf die Lauer. Jawohl, Sie haben richtig gelesen! Erwarten Sie voll Aufmerksamkeit Ihren nächsten Gedanken: „Ich bin gespannt, was mein nächster Gedanke sein wird.“

Verharren Sie wie die Katze vor dem Mauseloch und wiederholen Sie innerlich ein paar Mal diesen Satz: „Ich bin gespannt, was mein nächster Gedanke sein wird.“

Durch die Fokussierung des Bewusstseins schulen Sie Ihre Fähigkeit zur Achtsamkeit. Und das ist keine schlechte Ausgangslage, um in der Reiz-Flut Sinnvolles von weniger Sinnvollem zu unterscheiden.



Sinnvoll scheitern

4 03 2008

Warum beginne ich die Lektüre im „Lebens-Roman“ beim Kapitel „Scheitern“?

Alle Welt kauft doch jetzt Erfolgs-Ratgeber: „Erfolg muß man wollen.“ – „Das Erfolgsbuch. Wie Sie alles im Leben erreichen können.“ – „Die Gesetze der Gewinner.“ Drei Titel von viel zu vielen, die aus der Lust an der eigenen Kompetenz einen Zwang zum Erfolg machen.

Hier erweist sich die Logotherapie als gründliche Spielverderberin. Sie deutet mit ihren Fragen auf einen Sinn jenseits von Erfolg und Effizienz:

- Wie nehmen Sie das Sperrige in Ihrem Leben wahr?
- Wie steht es um Ihre „Kultur des Scheiterns“?

Beide Anfragen finden sich explizit im Menschenbild der Logotherapie und implizit in Ihren Methoden. Manchmal stelle ich deshalb im logotherapeutischen Gespräch die Frage:

„Wann machen Sie Gebrauch von Ihrem ´Recht auf Scheitern`?“



Welches Geheimnis erzählt der „Lebens-Roman“?

1 03 2008

Als Logotherapeutin gehe ich davon aus, daß Sinn-Erfahrungen die Basis-Erfahrungen eines Menschen sind. Sie bestimmen, wie Menschen fühlen, wie sie sich verhalten und vor allem: wie sie neue Erfahrungen denkend einordnen. Im logotherapeutischen Gespräch richtet sich das Augenmerk deshalb auf die Art und Weise, wie Erfahrungen erinnert und erzählt werden. Menschen sind nämlich unvermeidlich „Sinn-Geber“: Wir machen eine Erfahrung und geben ihr eine Bedeutung.

Da beschreit beispielsweise die nicht mehr ganz junge Studentin ihren dritten Anlauf zur Magisterprüfung mit verschämtem Lächeln: „Meine Eltern wollten mich schon nach der Mittleren Reife vom Gymnasium nehmen…“

Die Logotherapie versucht zunächst zu verstehen, welche Themen das Leben des Menschen geformt haben.

- Welche Erfahrung hat eine zentrale Bedeutung gehabt?
- Welche Wahlmöglichkeiten, Intentionen, Beziehungen waren am wichtigsten?

Denn diese zentralen Themen „filtern“ wiederum die nächsten Sinn-Erfahrungen. Sie formen die Perspektive, die Menschen über ihr Leben, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben.

Ganz offensichtlich zieht sich durch die Biographie der Prüfungskandidatin die Leistungseinschätzung der Eltern und das Ringen der Tochter um einen eigenen Weg.

Sind die zentralen Themen im logotherapeutischen Gespräch zugänglich geworden, dann geht es im nächsten Schritt um „unsichtbare“ Lebens-Linien. Diese „verborgenen “ Lebens-Linien können enorme Macht entfalten – sie können lebensfördernd oder lebenshemmend sein.

So können die Studienprobleme der Tochter ganz unterschiedlich interpretiert werden: Verharrt die junge Frau in trotziger Auflehnung gegen die möglicherweise zutreffende Einschätzung der Eltern und überfordert sich so permanent? Oder hat sie während Ihres Studiums bisher lediglich versäumt, sich die notwendigen Arbeitstechniken anzueignen? Darf sie vielleicht nicht erfolgreich sein, um die Eltern nicht ins Unrecht zu setzen, die sich beruflich „etwas Handfestes“ für die Tochter vorgestellt haben. In jedem Fall wäre es an der Zeit, sich bewußt für die eigenen Werte zu entscheiden.

Der logotherapeutische Prozeß möchte bisher „übersehene“ Sinn-Linien ans Licht bringen. Logotherapeutische Gesprächführung rückt also in den Mittelpunkt, was im Leben meines Gegenübers bedeutungsvoll war – Intentionen, Beziehungen, Wendepunkte – und welchen Sinn diese Begebenheiten enthalten und entfalten können.

Bei all dem ist eines grundlegend: Ich achte in meinem Gegenüber das Geheimnis, das er selber ist. Die gemeinsame Lektüre des „Lebens-Romans“ enthüllt und entzieht dieses Geheimnis gleichermaßen.