Als Logotherapeutin gehe ich davon aus, daß Sinn-Erfahrungen die Basis-Erfahrungen eines Menschen sind. Sie bestimmen, wie Menschen fühlen, wie sie sich verhalten und vor allem: wie sie neue Erfahrungen denkend einordnen. Im logotherapeutischen Gespräch richtet sich das Augenmerk deshalb auf die Art und Weise, wie Erfahrungen erinnert und erzählt werden. Menschen sind nämlich unvermeidlich „Sinn-Geber“: Wir machen eine Erfahrung und geben ihr eine Bedeutung.
Da beschreit beispielsweise die nicht mehr ganz junge Studentin ihren dritten Anlauf zur Magisterprüfung mit verschämtem Lächeln: „Meine Eltern wollten mich schon nach der Mittleren Reife vom Gymnasium nehmen…“
Die Logotherapie versucht zunächst zu verstehen, welche Themen das Leben des Menschen geformt haben.
- Welche Erfahrung hat eine zentrale Bedeutung gehabt?
- Welche Wahlmöglichkeiten, Intentionen, Beziehungen waren am wichtigsten?
Denn diese zentralen Themen „filtern“ wiederum die nächsten Sinn-Erfahrungen. Sie formen die Perspektive, die Menschen über ihr Leben, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben.
Ganz offensichtlich zieht sich durch die Biographie der Prüfungskandidatin die Leistungseinschätzung der Eltern und das Ringen der Tochter um einen eigenen Weg.
Sind die zentralen Themen im logotherapeutischen Gespräch zugänglich geworden, dann geht es im nächsten Schritt um „unsichtbare“ Lebens-Linien. Diese „verborgenen “ Lebens-Linien können enorme Macht entfalten – sie können lebensfördernd oder lebenshemmend sein.
So können die Studienprobleme der Tochter ganz unterschiedlich interpretiert werden: Verharrt die junge Frau in trotziger Auflehnung gegen die möglicherweise zutreffende Einschätzung der Eltern und überfordert sich so permanent? Oder hat sie während Ihres Studiums bisher lediglich versäumt, sich die notwendigen Arbeitstechniken anzueignen? Darf sie vielleicht nicht erfolgreich sein, um die Eltern nicht ins Unrecht zu setzen, die sich beruflich „etwas Handfestes“ für die Tochter vorgestellt haben. In jedem Fall wäre es an der Zeit, sich bewußt für die eigenen Werte zu entscheiden.
Der logotherapeutische Prozeß möchte bisher „übersehene“ Sinn-Linien ans Licht bringen. Logotherapeutische Gesprächführung rückt also in den Mittelpunkt, was im Leben meines Gegenübers bedeutungsvoll war – Intentionen, Beziehungen, Wendepunkte – und welchen Sinn diese Begebenheiten enthalten und entfalten können.
Bei all dem ist eines grundlegend: Ich achte in meinem Gegenüber das Geheimnis, das er selber ist. Die gemeinsame Lektüre des „Lebens-Romans“ enthüllt und entzieht dieses Geheimnis gleichermaßen.