Mit Logotherapie aus der Depression
28 04 2008Die Stichwortsuche „Logotherapie bei Depression“ ergibt 553 Google-Treffer. Wer sich jedoch von dieser Internet-Recherche konkrete Hilfsangebote erhofft, wird enttäuscht. Die Suchergebnisse verweisen ausnahmslos auf Buchempfehlungen, Selbsthilfeliteratur und Rezensionen.
Also – nichts wie hin zum altmodischen Bücherschrank … Und wenn wir schon dort sind: Warum nicht gleich bei Frankl selbst nachschlagen?
Der „Meister“ gesteht sogleich ganz bescheiden in „Theorie und Therapie der Neurosen“: „Wir sind und bleiben uns dessen bewußt, welche Banalität – um es unverblümt auszusprechen – den meisten Ratschlägen und all den Hinweisen anhaftet …“
Zweifel machen sich breit: Soll ich trotzdem einen Blog-Beitrag zum Thema „Logotherapie bei Depressionen“ schreiben?
Frankl selbst ermutigt mich: „… trotz allem: wer nicht den Mut aufbringt zu solcher Banalität, der bringt vielleicht sich – und seine Kranken – um den Erfolg.“
Dann wollen wir mal!
Über die Hintergründe und aktuellen Therapieansätze der „Volkskrankheit Depression“ informiert fachlich profund und technisch perfekt kompetenznetz-depression.
(Besonders anschaulich läßt das Video “Wege aus der Depression” am Leben eines Betroffenen teilnehmen.)
Was mein Blog-Beitrag im folgenden leisten möchte, ist ein kurzer Überblick über die unterstützenden logotherapeutischen Hilfsangebote:
- Entlastung
- Psychoedukation
- Stabilisierung
- Verabschiedung in den Alltag
Entlastung
Die größte Entlastung erfährt ein depressiv Gestimmter, wenn er endlich depressiv sein darf. Jeder Appell, sich doch zusammenzureißen, ist grundverkehrt. Es gilt vielmehr: „Hinnehmen“ statt „sich zusammennehmen“!
Eine erstaunlich Intervention für eine Logotherapeutin, werden Sie vielleicht einwenden: Was ist denn mit dem Willen zum Sinn?
Der ist in der Depression „in tiefen Winterschlaf gefallen“.
Dieses Bild für die innere Erstarrung und Entfremdung macht zweierlei deutlich: Nicht nur die reduzierte Vitalität und Intentionalität – sondern auch die Aussicht auf den nächsten Frühling!
Wer sich ein wenig auskennt in der aktuellen „Depressions-Szene“, muß bei diesem ersten Schritt unwillkürlich an die initiale Phase der Interpersonellen Psychotherapie (im folgenden abgekürzt als IPT) denken. Sie startet ebenfalls mit der Entlastung des Betroffenen durch Information über seine Störung und eine klare Zuweisung der „Krankenrolle“.
Psychoeduktion
Frankl nennt diesen Schritt „Psychagogische Betreuung“ und bezeichnet damit eine intensive Aufklärung des Betroffenen über die biologischen, biographischen, psychodynamischen und (nicht zuletzt!) die zukünftigen Zusammenhänge der Depression. Er betont ausdrücklich, daß der Betroffene wieder gesund werde – „so gesund zumindest, wie er auch schon früher war: nicht besser und nicht schlechter.“
Auch hier kann man eine erstaunliche Übereinstimmung mit den Haupttechniken der IPT in der initialen Phase entdecken: Exploration, Psychoedukation, Unterstützung, Ermutigung, Vermitteln von Hoffnung, Zuspruch – das Methodenrepertoire der IPT liest sich wie eine Zusammenfassung der logotherapeutischen Interventionen.
Stabilisierung
Erst wenn der depressiv Verstimmte durch die beiden vorhergehenden Schritte entlastet ist, wendet sich Frankl der zugrunde liegenden „Psycholabilität“ zu. Darunter versteht er die Unfähigkeit, mit den allfälligen Konflikten des Lebens angemessen umzugehen: „Es kann unter Umständen darum gehen, durch die Logotherapie dem Kranken einen besonders festen geistigen Halt zu vermitteln, den der gesunde Alltagsmensch weniger, der seelisch Unsichere jedoch dringend benötigt, eben zur Kompensation seiner Unsicherheit.“
Wiederum finden wir eine erstaunliche Parallele in der Vorgehensweise der IPT. In der mittleren Phase fokussiert die IPT nämlich auf 1 bis 2 typische Konflikte: Verlust und Trauer, Beziehungskonflikte, Rollenwechsel, persönliche Defizite. Die angewandten Techniken der IPT (wie Klärung, Ermunterung zum Ausdruck von Gefühlen, positives Umformulieren problematischer Aspekte, Entscheidungsanalyse) zeigen Ähnlichkeiten mit dem Sokratischen Dialog, der Einstellungsmodulation und dem Probehandeln in der Logotherapeutischen Imagination – alles nicht-aufdeckende Methoden, die Frankl in „Theorie und Therapie der Neurosen“ wärmstens empfiehlt.
Verabschiedung in den Alltag
In der Schlussphase der Begleitung geht es vor allem ums Verabschieden. Wie sieht ein angemessener Umgang mit diesem Abschiedsprozeß aus?
Zum Ausdruck von Gefühlen ermuntern, unterstützen und in Alltagssituationen ermutigen, Zuspruch und Bestätigung gewähren und dem Patienten seine Kompetenzen bewußt machen gehört dazu. Die IPT fordert zudem noch die Vorbereitung auf die Zukunft und der Hinweis auf individuelle Frühwarnzeichen.
Aus logotherapeutischer Sicht bedeutet „Vorbereitung auf die Zukunft“ vor allem: Sinnfindungshilfe leisten. Denn was könnte besser zum eigenständigen Schritt in den Alltag ermutigen als der Reiz eines sinnerfüllten Lebens – trotz Depression.
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