Logotherapie – „Kaffee fürs Volk“?

31 05 2008

Kritik hat die Logotherapie seit ihren Anfängen erfahren. Was den im Titel zitierten Vorwurf so reizvoll macht, erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

„Nicht Opium für das Volk ist das für und von Frankl, sondern Kaffee fürs Volk.“ Dieses Zitat stammt von Günther Anders, einem entschiedenen Sinnleugner. Wenn man dessen kritische Bemerkungen über „Sinntherapeuten“ liest, klingt das Sprachspiel zunächst wenig schmeichelhaft.

So unrecht hat Anders allerdings nicht: Tatsächlich will die Logotherapie wecken und anregen – wie ein guter Kaffee. Je mehr ich mich auf den Vergleich einlasse, umso deutlicher meine ich, einen schmunzelnden Frankl hinter der Metapher von der Logotherapie als „Kaffee fürs Volk“ zu entdecken.

Denn in seinen Lebenserinnerungen „Was nicht in meinen Büchern steht“ erzählt Frankl über sein geliebtes Stimulanz: „Vorausschicken möchte ich nur, daß mir Kaffee sehr viel bedeutet.  So habe ich denn auf Vortragsreisen immer eine Koffeintablette bei mir, die ich notfalls, wenn ich vor einem Vortrag nicht die Möglichkeit habe, einen starken Kaffee zu mir zu nehmen, einnehmen kann. A propos: Da komme ich eines Tages ins Salzkammergut, nach Gmunden, um einen Vortrag zu halten. Unmittelbar davor gehe ich ins Kaffeehaus und bestelle, was man in Wien einen „Kapuziner“ nennt, das heißt einen sehr dunklen, also starken Bohnenkaffee – so stark, daß er so dunkelbraun ist wie eben die Kutte eines Kapuziners. Der Kellner bringt mir aber, was man in Wien ein „G´schlader“ nennt, einen sehr schwachen, verwässerten Kaffee. Ich eile ins Hotel zurück, um die Koffeintablette einzunehmen, und wer stoppt mich in der Lobby?…“

Nein, lieber Blog-Leser, es ist nicht Günther Anders …!

Frankl fährt in seiner Erzählung fort: „… Ein Kapuziner, aber ein echter Kapuzinermönch. Er hatte aus der Klosterbibliothek ein paar Bücher von mir mitgebracht, damit ich sie mit einem Autogramm versehe.“ ;-



Supermarkt Logotherapie

23 05 2008

„Die Logotherapie gleicht einem Supermarkt, durch den man hindurchschlendert, um sich auszusuchen, was man brauchen kann.“ So großzügig stellt Frankl sein Werk zur Disposition. Ich nehme ihn beim Wort und bediene mich aus gegebenem Anlaß in der Abteilung „Freiheit und Verantwortung“.

Wer die Experimente der Hirnforscher verfolgt (beispielsweise bei www.faz.net das Interview mit John R. Searle), erkennt sogleich die Brisanz dieser Begriffe. Aktuelle Versuchsanordnungen scheinen Freiheit und Verantwortlichkeit als Illusion zu entlarven. Deterministen und Verteidiger der Willensfreiheit stehen sich – mit neuen Beobachtungen, doch unversöhnlich wie eh und je – gegenüber.

Zu Determinismus und Reduktionismus bezieht Frankl eine klare Position, die auch heute noch aktuell ist: „Menschliche Freiheit ist endliche Freiheit. Der Mensch ist nicht frei von Bedingungen, sondern nur frei, zu ihnen Stellung zu nehmen.“ Als „Beweis“ für diese Behauptung führt Frankl seine Beobachtungen in der KZ-Haft an: Dort habe der Hunger die Menschen nicht gleich gemacht (wie Freud es postuliert hatte). Frankl beobachtet das Gegenteil: Die Menschen differenzieren sich. Das ist für ihn der Beweis: „Der Mensch ist bedingt ein unbedingter Mensch – er muß nicht sein, was er ist, aber er kann es sein.“

Und was ist der Mensch?

Laut Frankl ist der Mensch ausgezeichnet durch seinen Willen zum Sinn. Wenn er seine Freiheit für die konkrete Verwirklichung dieser Grundintention nutzt und Verantwortung übernimmt, handelt der Mensch wahrhaft „frei“.

Demnach ist Logotherapie ein Training zur Freiheit.

Freiheit ist nach Frankl nicht einfach nur „gegeben“, sondern „aufgegeben“. Der Mensch ist das Wesen, das sich in jedem Augenblick entscheiden muß. Neben unzähligen spontanen Entscheidungen gibt es immer wieder sehr bewußte Wahlsituationen. Auf diese Situationen zielt das Freiheitstraining der Logotherapie.

Denn auch die persönliche Freiheit hat eine individuelle Geschichte. Sie ist geprägt durch Vorentscheidungen, Erfahrungen und – nicht zuletzt – Gewohnheiten. Zur individuellen Freiheit gehört vor allem die Übung und Erfahrung im sinnvollen Gebrauch dieser Freiheit.

Nur wer immer wieder trainiert, sich angesichts einer Wahlsituation für die sinnvolle Möglichkeit zu entscheiden, schöpft seine Freiheit zur Persönlichkeit aus. Das Freiheitstraining ist deshalb ein „Premium-Angebot“ im Supermarkt „Logotherapie“.

Demnächst mehr …



Garten-Sinn

15 05 2008

Lieber Schwager,

heute war es soweit: Ihre Natürliche Hoheit Rosa Pimpinellifolia „Glory of Edzell“ gab die erste Audienz.

Erst blinzelte sie – noch ein wenig scheu – in die Vormittagssonne. Das lichtrote Gewand hielt sie – wie eine Stola – eng um den Körper gewickelt. Es schien, als wolle sie die neugierige Betrachterin prüfen: „Kann ich Deinen Blicken trauen? Erkennst Du meine heimische Wildrosen-Schönheit?“

(Unwillkürlich kamen mir der „Kleine Prinz“ und seine Rose in den Sinn. Hatte nicht auch sie sich anfangs geziert? Ich muß die Stelle unbedingt einmal nachlesen…)

Nach und nach faßte Rosa Pimpinellifolia wohl Vertrauen in mich und die frühsommerlichen Temperaturen. Schließlich lockerte sie die Stola und präsentierte ihr bezaubernd schlichtes Prinzessinnenkleid.

Ich stand – entzückt von soviel rosaweißer Raffinesse – auf dem Gartenweg, als ein ungewohnt heftiger Windstoß mich aufschreckte: O je, verdächtige Wolken am zuvor ungetrübten Himmel!

Ob meine Rosenprinzessin den drohenden Schauer unbeschadet überstehen wird? Fast war ich versucht, zur Lösung des Kleinen Prinzen Zuflucht zu nehmen. Der wollte seine geliebte Rose beim Abschied unter eine Glasglocke stellen. Doch das fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, daß „Glory of Edzell“ schon seit Jahrhunderten in Kloster- und Burggärten den Stürmen des Lebens trotzt: ungefüllt und unerschrocken ;-)

Wildrosenberauschte Grüße sendet
Deine Schwägerin



Schritt für Schritt Richtung Sinn

14 05 2008

Im Blog-Eintrag über „Logotherapie und Depression“ habe ich auf die heilsame Kraft der „Sinnfindungshilfe“ hingewiesen. Wer sich mit den Hintergründen dieses logotherapeutischen Ansatzes vertraut gemacht hat, ist nicht nur gegen dunkle Depressionswolken besser gerüstet.

Denn für uns alle gilt: Der Mensch will Sinn. Diese Grundüberzeugung von Frankl findet sich auch im Salutogenese-Konzept von Aaron Antonovsky wieder. Es besagt, daß kritische Lebensereignisse von einzelnen Menschen unterschiedlich gut bewältigt werden: Je besser der Betroffene in der Lage ist, der Krise durch aktives Verständnis, durch eigene Anstrengung und durch Einordnung in seine inneren Konzepte zu begegnen, umso leichter kann sich wieder eine tragfähige Ordnung einstellen.

Wie lassen sich diese Fähigkeiten (die Antonovsky Handhabbarkeit, Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit nennt) stärken?

Für den Umgang mit Depressionen gilt: Zunächst muß durch Entlastung und Stabilisierung eine „Basis-Hoffnung“ wiederhergestellt werden. „Die „Basis-Hoffnung“ ist Grundvoraussetzung für die Anwendung der Sinnfindungshilfe“. Denn ohne eine minimale Hinwendung zur Welt, können keine Sinnhorizonte entdeckt werden.

Folgende Schlagworte charakterisieren die „Sinnfindungshilfe“:

- Vorsicht, Falle!
- Tu es ganz!
- Ja oder Nein?

Vorsicht, Falle!

Den Sinn des Lebens zu suchen, kann gefährlich sein. (Wie bitte? Schon wieder so ein provokanter Satz aus dem Munde einer Logotherapeutin! Sie werden gleich verstehen, was dahinter steckt …)

Wenn man „den Sinn an sich“ direkt anstrebt, verstärkt man die Spirale der Hoffnungslosigkeit. Wir können Sinn nämlich nur auf indirektem Weg erfahren – beispielsweise durch Sinnerlebnisse beim Arbeiten oder Lernen, im Austausch mit anderen, beim Auskosten von Muße u.s.w. Der losgelöste „Sinn des Lebens“ als umfassende Formel existiert nicht.

Deshalb dürfen gerade depressiv Gestimmte nicht in unfruchtbaren Grübeleien über den „Sinn des Lebens“ alleingelassen werden. Hilfreich ist es, den Blick von der Fata Morgana des „Absoluten Sinnes“ auf die fruchtbare Oase der Lebenswirklichkeit mit ihrem konkreten Sinnanspruch zu lenken.

Tu es ganz!

Den fruchtbaren Oasen der Lebenswirklichkeit nähert man sich anfangs mit winzigen Schritten: bei Sonnenschein einmal um den Block spazieren – die oberste Schreibtischschublade aufräumen – die Geburtstagsmail an die Freundin senden. Es kommt nicht darauf an, spektakuläre Aktionen zu starten. Was einzig und allein zählt: Nicht beim Stadium der vagen Vorsätze, des quälenden Zauderns, der halbherzigen Anstrengungen stehenzubleiben – sondern herauszutreten in die entschlossene Wahl, die konsequente Ausführung und den kompletten Abschluß. Durch diese vollständigen Aktionen - mögen sie noch so unbedeutend erscheinen – verstärken sich das Gefühl für die Wirklichkeit und der Bezug zur Welt.

Ja oder Nein?

Wenn sich die depressiven Wolken zunehmend verziehen, ist ein guter Zeitpunkt erreicht, um mit dem „Sinnwahrnehmungs-Training“ zu beginnen. Es geht darum, sich für den jeweiligen „Sinn des Augenblicks“ zu sensibilisieren.

Elisabeth Lukas schlägt dazu fünf Fragen vor:

1. Was ist mein aktuelles Problem? (Auf konkreten Sachverhalt einengen!)
2. Wo ist mein Freiraum? (Persönlicher, von Außenfaktoren unabhängiger, freier Aktionsspielraum)
3. Welche Wahlmöglichkeiten habe ich? (Brainstorming – ohne Wertung!)
4. Welche davon ist die sinnvollste? (Achtung: Die sinnvollste ist nicht zwangsläufig die lustvollste – aber auch nicht unbedingt immer die anstrengendste ;-))
5. Will ich sie verwirklichen? (Die Kardinalfrage: Ja oder Nein?)

Warnung vor der falschen Sinnsuche – Anleitung zu vollständigen Handlungen – Sinnwahrnehmungs-Training: Was halten Sie, liebe Blog-Leser, von diesen drei Angeboten aus dem Methodenkoffer der Logotherapie?



Ihre Zauberworte

3 05 2008

Noch einmal werfen wir einen Blick auf unsere Sprache:

Kennen Sie Ihre Zauberworte?

Es gibt so viele Worte, die unser Denken und Handeln oft unbewusst leiten.
Müssen und wollen – zaudern und wagen – erzwingen und erwarten …

Achten Sie einen Tag lang auf Ihre Wortwahl:
- Wie oft verwenden Sie „Ich muß … vielleicht … sofort“?
- Oder sagen Sie manchmal „Ich wähle … gewiß … erwartungsvoll“?

Zauberworte können bannen oder befreien. Je nachdem!