Mit subtilen Sabotageakten versuchen Sinn-Räuber, unsere Lebensfreude zu untergraben. Doch die Logotherapie bietet ihnen Paroli.
Manchmal sind wir grundlos glücklich. Geborgen in unserer Partnerschaft, zufrieden mit uns und unserer Arbeit, beliebt im Freundeskreis und außerdem gerade beim Wohlfühlgewicht angelangt. So könnte es eine Weile bleiben – bis zur nächsten Gehaltserhöhung beispielsweise, die nach Abschluß des XY-Projektes winkt.
In Situationen wie dieser können sich Sinn-Räuber unbemerkt anschleichen. Einer hat hier besonders leichtes Spiel. Er lädt uns zu einer riskanten Kletterpartie ein:
„Mach Dich von Zielvorgaben abhängig, nicht von Werten!“
Durch diesen „Tip“ hängen Erfolg und Misserfolg im wahrsten Sinne des Wortes „in der Luft“. Es besteht höchste Absturzgefahr, wenn wir das gesteckte Ziel verfehlen.
Wie anders gestaltet sich eine Bergwanderung, die sich an Werten statt an Zielvorgaben orientiert. Hier hängt die Erfüllung vom gemeinsamen Einsatz mit den Seilkameraden ab. Die Logotherapie bietet dabei mit ihren Wertekategorien eine verlässliche Sicherung. Sinn und Erfüllung lassen sich nämlich – so Frankl – auf drei Arten finden: im Tun – im Erleben – im Ertragen. Das sind die Haken der Logotherapie für alle Schwierigkeitsgrade in der Kletterwand des Lebens.
Wer sich an diesen Haken entlanghangelt, ist gut gesichert. Vor Schicksalsschlägen gefeit ist er nicht: Die Beziehung kann scheitern – der Job kann verloren gehen – die Heuschnupfennase trieft erbarmungslos … In schwierigen Situationen wie diesen will uns ein gefährlicher Sinn-Räuber in seine Falle locken:
„Wenn Du unglücklich bist, bleibe bei der Warum-Frage stehen!“, raunt er uns zu.
Und tatsächlich quälen wir uns häufig mit der Frage „Warum gerade ich?“ herum, wenn das Schicksal es nicht gut mit uns meint. (Komisch: Wie selten kommt uns diese Frage mitten im unverdienten Glück in den Sinn!)
Aus der „Warum ich-Sackgasse“ hilft uns die Logotherapie mit drei konstruktiven Alternativ-Fragen: Weshalb? – Wozu? – Mit wem?
1. Weshalb?
Das ist die Frage nach Ursachen, Auslösern, Gründen. Möglicherweise auch nach eigenen Anteilen und Einflüssen. Die Weshalb-Frage kann manchmal dazu verhelfen, beim nächsten Mal einen anderen Weg zu wählen. Meist führt sie jedoch zu der Erkenntnis und zur Annahme: „Es ist, was es ist.“ (Erich Fried)
2. Wozu?
Die zweite Frage ist so recht nach Frankls Sinn. Mit dem Blick auf das „Wozu“ vollziehen wir den logotherapeutischen Perspektivenwechsel: Läßt sich in dieser Situation ein verborgener Sinn entdecken? Welche Aufgabe stellt uns das Leben in diesem Widerfahrnis? Im „Wozu“ ist meist auch schon ein Hinweis für die Antwort auf Frage 3 enthalten:
3. Mit wem?
Der Sinn im Leiden weist immer über den Betroffenen selbst hinaus. Er bietet die Chance zum Austausch von Mitgefühl und Solidarität – zu einem lebendigen Wechselspiel von Geben und Nehmen.
Mit den drei Alternativ-Fragen können wir also einen der gefährlichsten Sinn-Räuber vertreiben. Doch hinter der nächsten Ecke lauert schon sein Komplize:
„Lebe entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft – keinesfalls im Hier und Jetzt!“
Das Leben in der Gegenwart ist uns nicht selbstverständlich gegeben. Wie oft am Tag sind unsere Gedanken mit den Leiden (oder Freuden?) der Vergangenheit beschäftigt? Und wie häufig quälen uns Zukunftsängste?
Mit Übungen zur Aufmerksamkeit können wir bewußt ins Hier und Jetzt einkehren:
- Mal schauen, welche Blume heute im Garten ihre Knospe geöffnet hat?
- Was genau bedrückt die Kollegin gerade so sehr, daß sie nicht einmal den Lieblingskuchen anrührt?
- Welche kleine Haltungsänderung würde meinen verspannten Nackenmuskeln gut tun?
Die Logotherapie schätzt die Gegenwart ganz besonders. In ihr können wir Sinn-Räuber am sichersten aufspüren und in die Flucht jagen: Indem wir im Hier und Jetzt entscheiden, die sinnvollste der jeweils gegebenen Möglichkeiten zu verwirklichen.