Garten-Sinn

29 07 2008

Lieber Schwager!

„Der Weg ist das Ziel.“ – So heißt es heute unisono in naturnahen wie in Manager-Kreisen.

Doch was mache ich, wenn ich keinen Weg mehr im heimischen Dschungel entdecken kann?

Es ist noch kein Jahr her, daß Du den behäbig geschwungenen Pfad aus großen Porphyrplatten nebst einer kleinen Abzweigung zum Steingarten gestaltet hast. Eine trittfeste Einladung zum Flanieren durch unser Naturparadies …

Nach einem milden Winter, einem regenreichen Frühjahr und einem feucht-schwülen Sommer läßt sich inzwischen nur noch hier und da etwas Steiniges entdecken – zwischen Matten aus Sonnenröschen und duftenden Polstern von lila Feldthymian.

Auf halber Strecke zum Gartentor hat der Natternkopf eine blaublühende Stachel-Brücke über den Plattenweg geschlagen. Da hilft nur ein beherzter Riesenschritt  – denn für die Machete ist dieses bezaubernde Gewächs trotz der spitzen Angriffsnadeln viel zu schade!

Schwankend erwische ich tatsächlich einen rettenden Steintritt. Ich winde mich – so gut es geht – vorbei an der unermüdlich raumgreifenden Strauchkronwicke. Da, wo es nach „Pizza“ riecht – weil der wilde Oregano blüht – ahne ich unter der Spießweide die Abzweigung zum Steingarten. Keine Chance, bis zum Wurmfarn am Mäuerchen vorzudringen!

Mit Mühe erreiche ich schließlich das rettende Gartentor – und überlege insgeheim, ob ich für die Rückkehr ins Haus nicht lieber den säuberlich planierten, schnurgeraden Mistweg wählen sollte …

Deine „weglose“ Schwägerin



Logotherapie konkret (Teil 3) – Standhalten

28 07 2008

Nicht selten fordert die Sinn-Frage ein trotziges „Dennoch“ als Antwort.

„Was morgen ist,
und wenn es Sorge ist,
ich sage: Ja.“

Als mein Ältester dieses herbe Zitat als Abi-Spruch wählte, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. (Normalerweise lächeln meine drei Jungs über den „Logo-Trip“ ihrer Mutter!)

Vielleicht – so dachte ich damals – ahnt ein Zwanzigjähriger noch nicht, wie die „Sorgen“ aussehen können, die ein „Ja“ herausfordern…

Ich hatte einen jungen Patienten vor Augen: Nach dem ersten stationären Aufenthalt verläßt er die Klinik mit einer psychiatrischen Diagnose. Kopfüber stürzt er sich in die Arbeit. Will allen zeigen, daß er wieder „der Alte“ ist. Nach dem Rückfall ist seine hoffnungsvolle Karriere beendet. Inzwischen verbringt er die Nächte im Internet und seine Tage im Bett: „Warum soll ich mich zusammenreißen. Ist doch eh alles sinnlos…“

Oder das Schicksal einer emotional instabilen Patientin: Ihr ist es gerade gelungen, das selbstverletzende Verhalten und die Freßattacken durch konstruktives Verhalten zu ersetzen, als bei der kleinen Tochter ein Hirntumor diagnostiziert wird…

Wie schwer fällt das „Ja“ auch dem mit Mühe abstinenten Alkoholiker, dessen Stelle wegrationalisiert wird.

Vielleicht – geht es mir jetzt durch den Sinn – täusche ich mich aber auch, und die Jugend hat „ihren Frankl“ schon längst verstanden:

„Klopf den Dreck von Deiner Kleidung,
steh wieder auf –
Auch wenn es manchmal humpelt,
nimmt das Leben seinen Lauf.“
(Kool Savas feat. Azad, On Top)



Logotherapie konkret (Teil 2) – Flüchten

26 07 2008

„Morgens der öde Job im Schreibbüro. Ab mittags Hausarbeit und der große Garten. Chaos im Zimmer von Tim – Wäscheberge bei Thea. Und dann noch das Gejammere von meiner Mutter: Ihr Zucker ist wieder viel zu hoch – die Beine wollen nicht mehr wie früher – und überhaupt, niemand kümmere sich um sie…“
Meine Gesprächspartnerin sinkt mit jedem Satz mehr in sich zusammen. Schließlich ein tonloser Seufzer: „Tagaus, tagein nur Funktionieren. Ich kann mich zu nichts Sinnvollem mehr aufraffen…“

Für diese erschöpfte „Familienmanagerin“ gilt zuallererst: Flüchten.

Kann „Flüchten“ denn eine Antwort auf die Sinn-Frage sein?

Manchmal schon!

Für die völlig erschöpfte Job-Familien-Pflege-Managerin oder den ausgebrannten Altenheimleiter beispielsweise. Für diese Engagierten, die immer für andere da sind, die nie „Nein“ sagen auf die Frage: „Könntest Du nicht eben mal …?“

Erst wenn der Kreislauf zusammenbricht und der Hausarzt etwas von „Burn-Out“ murmelt, setzen sie sich hin und schütteln den Kopf: „Komisch, bisher habe ich doch funktioniert?“

Spätestens jetzt heißt es: Raus aus dem Hamsterrad!

Nach der unbedingt notwendigen „Flucht“ aus der Überlastung und nach der gebührenden Erholung kann die Existenzanalyse beginnen: Welches sinnvolle Lebensthema ist durch mein Über-Engagement verdeckt worden? Kann sich die Familien-Managerin möglicherweise nur wertvoll fühlen, wenn sie sich für andere selbstausbeutet? Flüchtet der Heimleiter vor den häuslichen Auseinandersetzungen mit den pubertierenden Kindern?

An dieser Stelle zeigen sich die krankmachenden Vermeidungsstrategien. Und deshalb gilt: Innehalten – auftanken – Selbstfürsorge üben – das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden lernen – und sich dann mit neuen Kräften den eigentlichen Sinn-Aufgaben stellen.



Logotherapie konkret (Teil 1) – Kämpfen

19 07 2008

Die Jura-Studentin zeigt mir ihre wunden Hände. Alles deutet auf einen klassischen Waschzwang. Als nach ein paar Gesprächen dank Paradoxer Intention die exzessiven Waschrituale in den Hintergrund treten, bricht es aus ihr heraus: „Was soll ich machen? Mein Studium interessiert mich überhaupt nicht. Ich habe es nur meinen Eltern zuliebe angefangen. Die waren total besorgt, als ich die Lehre zur Industriekauffrau geschmissen habe und mich mit Jobs über Wasser halten wollte. Aber die Paragraphenpaukerei liegt mir überhaupt nicht. Und als Beruf kann ich mir Jura erst recht nicht vorstellen. Ich sehe einfach keinen Sinn mehr…“

Hier ist Kämpfen angesagt.

Die junge Frau zweifelt im Grunde, ob sie am rechten Platz steht. Offensichtlich fällt es ihr nicht leicht, nach den bisherigen „Umwegen“ einen neuen „Anlauf“ zu nehmen. Warum verharrt sie – blockiert durch Zwänge und Ängste – in einem ungeliebten Studienfach?

Die Studentin der Rechte scheut den Kampf um ihr elementares Recht auf Fehler. Sie wagt sich nicht mehr aus der Komfortzone von Geborgenheit und Sicherheit. Die Risikozone mit dem typischen Herzklopfen und Bauchkribbeln ist für die junge Frau zur Panikzone geworden: Weil sie sich weder den unberechenbaren Chancen noch dem möglichen Scheitern aussetzen möchte. In ihren Augen haben sich die ersten vorsichtigen Ausflüge in die Erwachsenen-Welt als „Reinfälle“ erwiesen – jetzt bleibt sie lieber im Nest hocken. (Ihre Zwänge und Ängste erlauben eh´ nichts anderes!)

Hier leistet die Logotherapie Sinnfindungs-Hilfe durch Ermutigung: Losgehen – sich verirren – nach dem Weg fragen – neu orientieren – sich wieder verlaufen – einen anderen Weg einschlagen – Mitwanderer um Hilfe bitten – eine unerwartete Aussicht genießen – und sich schließlich wundern, wo man landet … So geht leben!



Die 2 Seiten der Medaille

17 07 2008

Entweder – oder!
Schwarz oder Weiß!
Alles oder nichts!

Wir neigen zu solchen Extremen. Meist ist es jedoch besser, Ereignisse, Situationen, Dinge, Personen nicht vorschnell und einseitig zu bewerten.

Mit folgenden Fragen können Sie sich für den goldenen Mittelweg sensibilisieren.

Wählen Sie aus den drei Aussagen zwischen A, B oder C

A. Ich habe recht.
B. Du bist im Unrecht.
C. Ich sehe es so – Du siehst es anders.

A. Ich traue keinem.
B. Einigen Menschen kann ich vertrauen – bei anderen fällt es mir schwer.
C. Ich vertraue jedem.

Noch ein Beispiel gefällig?

A. Das schaffe ich spielend.
B. Das schaffe ich nie.
C. Es ist nicht leicht – aber ich bleibe dran.



Vorsicht, Sinn-Räuber!

12 07 2008

Mit subtilen Sabotageakten versuchen Sinn-Räuber, unsere Lebensfreude zu untergraben. Doch die Logotherapie bietet ihnen Paroli.

Manchmal sind wir grundlos glücklich. Geborgen in unserer Partnerschaft, zufrieden mit uns und unserer Arbeit, beliebt im Freundeskreis und außerdem gerade beim Wohlfühlgewicht angelangt. So könnte es eine Weile bleiben – bis zur nächsten Gehaltserhöhung beispielsweise, die nach Abschluß des XY-Projektes winkt.

In Situationen wie dieser können sich Sinn-Räuber unbemerkt anschleichen. Einer hat hier besonders leichtes Spiel. Er lädt uns zu einer riskanten Kletterpartie ein:

„Mach Dich von Zielvorgaben abhängig, nicht von Werten!“

Durch diesen „Tip“ hängen Erfolg und Misserfolg im wahrsten Sinne des Wortes „in der Luft“. Es besteht höchste Absturzgefahr, wenn wir das gesteckte Ziel verfehlen.

Wie anders gestaltet sich eine Bergwanderung, die sich an Werten statt an Zielvorgaben orientiert. Hier hängt die Erfüllung vom gemeinsamen Einsatz mit den Seilkameraden ab. Die Logotherapie bietet dabei mit ihren Wertekategorien eine verlässliche Sicherung. Sinn und Erfüllung lassen sich nämlich – so Frankl – auf drei Arten finden: im Tun – im Erleben – im Ertragen. Das sind die Haken der Logotherapie für alle Schwierigkeitsgrade in der Kletterwand des Lebens.

Wer sich an diesen Haken entlanghangelt, ist gut gesichert. Vor Schicksalsschlägen gefeit ist er nicht: Die Beziehung kann scheitern – der Job kann verloren gehen – die Heuschnupfennase trieft erbarmungslos … In schwierigen Situationen wie diesen will uns ein gefährlicher Sinn-Räuber in seine Falle locken:

„Wenn Du unglücklich bist, bleibe bei der Warum-Frage stehen!“, raunt er uns zu.

Und tatsächlich quälen wir uns häufig mit der Frage „Warum gerade ich?“ herum, wenn das Schicksal es nicht gut mit uns meint. (Komisch: Wie selten kommt uns diese Frage mitten im unverdienten Glück in den Sinn!)

Aus der „Warum ich-Sackgasse“ hilft uns die Logotherapie mit drei konstruktiven Alternativ-Fragen: Weshalb? – Wozu? – Mit wem?

1. Weshalb?

Das ist die Frage nach Ursachen, Auslösern, Gründen. Möglicherweise auch nach eigenen Anteilen und Einflüssen. Die Weshalb-Frage kann manchmal dazu verhelfen, beim nächsten Mal einen anderen Weg zu wählen. Meist führt sie jedoch zu der Erkenntnis und zur Annahme: „Es ist, was es ist.“ (Erich Fried)

2. Wozu?

Die zweite Frage ist so recht nach Frankls Sinn. Mit dem Blick auf das „Wozu“ vollziehen wir den logotherapeutischen Perspektivenwechsel: Läßt sich in dieser Situation ein verborgener Sinn entdecken? Welche Aufgabe stellt uns das Leben in diesem Widerfahrnis? Im „Wozu“ ist meist auch schon ein Hinweis für die Antwort auf Frage 3 enthalten:

3. Mit wem?

Der Sinn im Leiden weist immer über den Betroffenen selbst hinaus. Er bietet die Chance zum Austausch von Mitgefühl und Solidarität – zu einem lebendigen Wechselspiel von Geben und Nehmen.

Mit den drei Alternativ-Fragen können wir also einen der gefährlichsten Sinn-Räuber vertreiben. Doch hinter der nächsten Ecke lauert schon sein Komplize:

„Lebe entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft – keinesfalls im Hier und Jetzt!“

Das Leben in der Gegenwart ist uns nicht selbstverständlich gegeben. Wie oft am Tag sind unsere Gedanken mit den Leiden (oder Freuden?) der Vergangenheit beschäftigt? Und wie häufig quälen uns Zukunftsängste?

Mit Übungen zur Aufmerksamkeit können wir bewußt ins Hier und Jetzt einkehren:

- Mal schauen, welche Blume heute im Garten ihre Knospe geöffnet hat?
- Was genau bedrückt die Kollegin gerade so sehr, daß sie nicht einmal den Lieblingskuchen anrührt?
- Welche kleine Haltungsänderung würde meinen verspannten Nackenmuskeln gut tun?

Die Logotherapie schätzt die Gegenwart ganz besonders. In ihr können wir Sinn-Räuber am sichersten aufspüren und in die Flucht jagen: Indem wir im Hier und Jetzt entscheiden, die sinnvollste der jeweils gegebenen Möglichkeiten zu verwirklichen.