Lieber Schwager!
in unserem Naturparadies ist inzwischen ein bunter Blätterteppich ausgebreitet. Sobald sich die Morgennebel verzogen haben, leuchtet der Gartenboden im milden Oktoberlicht.
Ich stehe – ein wenig fröstelnd – am Terrassenrand und berausche mich an den herbstlichen Farben. „Diese späte Schönheit kann wohl nur ein Dichter angemessen besingen“, geht es mir durch den Sinn. Also: rein ins warme Wohnzimmer und nichts wie hin zum Bücherschrank! Erwartungsfroh schlage ich die Rubrik „Herbstlyrik“ auf.
„Astern - , schwelende Tage,
alte Beschwörung, Bann, …“
Ein bedeutungsschwangerer Anfang bei Gottfried Benn. Ich blättere weiter – auf der Suche nach etwas leichterer Kost.
„Genug ist nicht genug! …
Genug kann nie und nimmermehr genügen!“
Das meint Conrad Ferdinand Meyer. Und Rainer Maria Rilke ergänzt im „Herbsttag“:
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, …“
O je: Es scheint, als animiere diese Jahreszeit die Dichter zu eher trüben Gedanken. Die wollen jedoch nicht recht zu meinem „Goldenen Oktober“ passen.
Bei den Humoristen werde ich schließlich doch noch fündig:
„Der Herbst schert hurtig Berg und Tal
Mit kalter Schere ratzekahl.
Der Vogel reist nach warmer Ferne;
Wir alle folgten ihm so gerne.
Das Laub ist gelb und welk geworden,
Grün blieb nur Fichte noch und Tann´.
Huhu! Schon meldet sich im Norden
Der Winter mit dem Weihnachtsmann.“
Mit diesen Ringelnatz-Versen grüßt
Deine Schwägerin