Ein kompromißloses Dokument der Menschlichkeit

24 05 2009

„Logotherapie … Logopädie – wo liegt denn da der Unterschied?“  Diese Frage kennt jeder, der die sinnorientierte Therapie bei ihrem international gebräuchlichen Namen vorstellt. Wenn man daraufhin ein paar Sätze über Viktor Frankl und sein Lebenswerk erzählt hat, möchten viele etwas über die Logotherapie oder ihren Begründer lesen. Deshalb habe ich eine neue Kategorie „Rezensionen“ in das LogoLog aufgenommen…

Den Anfang macht natürlich ein Werk von Viktor Frankl selbst. Seine 32 Bücher liegen übersetzt in 26 Sprachen vor. Eines von ihnen zählt nach Einschätzung der Library of Congress in Washington zu den zehn einflußreichsten Büchern in Amerika und ist Pflichtlektüre vieler Colleges.

Viktor E. Frankl: …trotzdem Ja zum Leben sagen (Amazon)

Dieses Büchlein ist 64 Jahre alt und hochaktuell. Beispielsweise als Gegenstück zu dem vor einiger Zeit vieldiskutierten Wälzer „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell.

Im Skandal-Roman „Die Wohlgesinnten“ zeigt die nüchterne Bestandsaufnahme eines fiktiven SS-Mannes, wozu Täter fähig sind. – In „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ zeigt der Bericht des real leidenden Häftlings Nummer 119 104, wozu die Opfer der Täter fähig sind.

Mit psychologischem Blick beschreibt Frankl das Leben im Konzentrationslager und läßt keine Phase der Entmenschlichung aus. Manche Passagen muten dem Leser Ungeheuerliches zu: Zum Beispiel die teilnahmslose Schilderung der 2. Phase des Lagerlebens („Apathie“ und „Das Schicksal spielt Ball“). Umso deutlicher hebt sich aus dieser düsteren Stimmung der psychologische Umschwung unter den Häftlingen ab. Frankl läßt den Leser teilnehmen am Aufschwung jener gequälten Menschen, die beweisen, „daß man dem Menschen im KZ alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen. Und es gab ein „So oder So“!“

Jonathan Littells SS-Mann Max Aue behauptet am Anfang seines Romans, er wolle erzählen, wie es gewesen ist – und schildert dann auf  1.400 Seiten ungerührt, wie sich das Nicht-mehr-Menschliche zwangsläufig entwickelt. V. E. Frankl hingegen bekennt gegen Ende seines schmalen Büchleins leidenschaftlich, daß der Mensch „immer entscheidet, was er ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist aufrecht und ein Gebet auf den Lippen.“

Weil „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ diese Erfahrung so eindrücklich und überzeugend vermittelt, ist es auch sechs Jahrzehnte nach seiner Niederschrift noch immer ein kleines Buch mit einer großen Wirkung.


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