Garten-Sinn
23 11 2008Lieber Schwager!
November im Naturgärtchen: Das bedeutet kahle Äste, modriges Laub und der erste Bodenfrost. Die Clematis verdorrt, die Zwergmandel entlaubt, die Spießweidenruten nackt und bloß – alles atmet Vergehen und Rückzug.
Mit trüben Gedanken stehe ich hinter der Terrassentür und blicke hinaus zur Strauchkronwicke: Ohne ihren Blätterschmuck ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Mir wird ganz wehmütig ums Herz …
Als ich mich von diesem Bild des Jammers abwenden will, läßt sich eine freche Kohlmeise mitten in der Strauchkronwicke nieder. Sie hüpft munter umher, pickt hier und da an den blätterlosen Zweigen und scheint mit sich und ihrer Welt zufrieden. Da – eine zweite Meise fliegt herbei; weitere folgen. Gleich darauf landen etliche Grünfinken auf dem feuchten Blätterteppich unter den Sträuchern. Sie suchen emsig nach Eßbarem und lassen sich nicht von den zahllosen Blaumeisen stören, die inzwischen ebenfalls eingetroffen sind. Schüchtern hockt ein Rotkehlchen auf der Gartenmauer. Schließlich faßt es sich ein Vogelherz und mischt sich unter seine gefiederten Verwandten.
Innerhalb weniger Minuten hat sich unser trostloses November-Gärtchen in ein heiß begehrtes Vogel-Buffet verwandelt. Es wird gepickt und gezwitschert, geflattert und gefuttert.
Ich stehe staunend hinter der Scheibe – bis plötzlich alle Vögel wie auf Kommando gemeinsam davonfliegen.
Von einer Sekunde zur nächsten liegt das Naturgärtchen wieder scheinbar erstorben da. Doch dank der Vögel weiß ich es jetzt besser …
Deine Schwägerin