Herbst im Logotherapie-Blog

3 10 2008

Oktober … Da denken viele an buntes Laub, Frühnebel und Erntedank.

In meiner „alten Heimat“ steht der Monat Oktober ganz im Zeichen der Buchmesse. Eine günstige Gelegenheit für Erinnerungen an Frankfurt und die Wetterau – und ein schöner Anlaß, sich auf ein ursprüngliches Heilmittel der Logotherapie zu besinnen: Das Buch als Therapeutikum

Der „Meister“ selbst hat seinen Festvortrag zur Eröffnung der Buchwoche 1975 unter diesen Titel gestellt. Was er darin ausführt, ist noch immer aktuell:

Zwar kann ein Buch niemals den Therapeuten und die Bibliotherapie keine Psychotherapie ersetzen – doch vermag das Buch etwa in existentiellen Krisen Wunder zu wirken. In diesem Sinne leistet es echte Lebenshilfe: Etwa in Situationen äußerer Abgeschlossenheit und innerer Aufgeschlossenheit angesichts der „Tragischen Trias“ von Leid, Schuld und Tod.

Frankl verweist ausdrücklich auf die günstige Wirkung der Gruppenlektüre mit anschließender Diskussion.

Bibliotherapie ist ein hilfreiches logotherapeutisches Angebot. Sie kann auf unterschiedliche Weise eingesetzt werden.

- Als Rezeptive Bibliotherapie

durch Literatur-Empfehlungen (Ratgeber, Erfahrungsberichte von Betroffenen, Jugendbücher mit sinnvollen Vorbildern)

durch Literatur-Gesprächskreise (mit der Möglichkeit zum Austausch der Leseerfahrungen)

- Als Expressive Bibliotherapie

vor allem durch Therapeutisches Schreiben (Tagebuch, Blog, Lyrik…)

Wichtig ist: Der entscheidende therapeutische Effekt der Bibliotherapie besteht im angemessenen Ausdruck der Emotionen.

Jürgen von Scheidt schreibt dazu: „Heilsam ist das Sich-Erinnern auf der Fläche des Papiers … Erlebnisse, Gefühle, Phantasien und dergleichen zusammenzubringen (und damit auch ein Stück zusammenwachsen zu lassen), die vorher nicht beisammen waren.“
Natürlich benennt Frankl auch die Grenze der Bibliotherapie: „Es gibt Situationen, in denen sich sagen läßt: Wo alle Worte zu wenig wären – dort ist jedes Wort zuviel.“

Doch selbst in solchen Fällen rettet mitunter die „Zuflucht beim Wort eines Dichters“. Zur Illustration berichtet Frankl, wie er einem Verurteilten im Todestrakt von San Quentin Tolstois Geschichte vom Tod des Iwan Iljitsch erzählte: Die Geschichte eines Mannes, der angesichts des Todes über sich hinauswächst. Und der lernt, sein scheinbar verpfuschtes Leben rückwirkend als sinnvoll zu betrachten.

Nach Frankls Erfahrung ist diese Bibliotherapie nicht ohne Wirkung. Er ist überzeugt: „Nichts vermöchte die Sinnfindung katalytisch so sehr in Gang zu bringen, wie das Buch.“


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