Homo logotherapeuticus
22 02 2008Wie sieht das Menschenbild der Logotherapie aus?
Logotherapeuten blicken auf die spezifisch menschliche Begabung zur Selbst-Überschreitung und Selbst-Distanzierung. Ihr Bild vom Menschen zeigt schöpferische und liebende Wesen, die sich ganz einer Aufgabe oder einer Person hingeben. Es zeigt leidende Menschen, die ihr unabänderliches Schicksal bewundernswert gestalten. Und es ermutigt Menschen, sich „von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen.“
Ich denke an den sensiblen, klugen Pädagogen, dessen dritte depressive Phase schließlich stationär behandelt werden mußte. Jetzt sitzt er mir gegenüber: stabilisiert und arbeitsfähig, doch voller Scham und Selbstzweifel wegen seiner „Schwäche“.
„Die Veranlagung zur Depression ist ein mütterliches Erbe“, erkläre ich ihm. „Nicht unbedingt eine willkommene Gabe. Aber es ist die spezielle Auf-Gabe, die das Leben Ihnen stellt.“
Mein Gegenüber merkt auf.
„Wenn die Depression zuschlägt und Sie in die Knie gehen, dann ist das keine Schwäche. Doch wie Sie dieses schwere Erbe gestalten, darin zeigt sich Ihre Stärke.“
Der Patient blickt mich fragend an. Deshalb fahre ich fort:
„Sie können mit Ihrem Schicksal hadern und verzweifeln. Sie können aber auch Abstand nehmen, denn Sie sind viel mehr als nur Ihre Krankheit. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Sie zu Ihrer Krankheit Stellung beziehen können. Sie können die Verlusterfahrungen in Ihrem Leben therapeutisch bearbeiten. Sie können auch lernen, auf Warnsignale zu achten und so neuen Einbrüchen vorzubeugen. Falls sie trotzdem in eine depressive Phase rutschen, dann können Sie diese mit wirksamen Medikamenten behandeln. Und Sie können lernen, die schwere Zeit wie eine schwarze Wolke vorbeiziehen lassen – weil sie darauf vertrauen, daß sich die Sonne irgendwann wieder zeigt.“