Logotherapie als Schluckimpfung
6 08 2008Nicht nur Bakterien sind infektiös. Auch Worte stecken an. Ob Kommunikation als hilfreiche Impfung die Selbstheilungskräfte stimuliert oder ob sie eine gefährliche Infektion auslöst, hängt von zahlreichen Bedingungen ab.
Logotherapie nutzt das lebenslange Veränderungspotential unseres Gehirns. Ihre Vorgehensweise wird gestützt durch die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung. Diese besagen, daß es bei angemessener Stimulation zu strukturellen und biochemischen Veränderungen im Neuronen-Netzwerk kommt.
Als „angemessene Stimulation“ empfindet unser Gehirn nur solche Inhalte
- die einerseits „merkwürdig“ genug sind, sich vom bisher Bekannten zu unterscheiden
- und die gleichzeitig mit Emotionen gekoppelt sind.
Diese Bedingungen für die „Neu-Schaltung“ erfüllen logotherapeutische Interventionen durch ihre optimale Mischung aus Sicherheit und Herausforderung.
Wie in meinem Blog-Beitrag „Begegnung“ nachzulesen, ist logotherapeutische Beratung durch zwei Aspekte charakterisiert:
- eine tragfähige, vertrauensvolle Beziehung
- ein tragfähiges, herausforderndes Menschenbild.
Genau diese beiden Kennzeichen – Bindung und Provokation – identifiziert die moderne Hirnforschung als notwendige Bedingungen für tiefgreifende Veränderungsprozesse: Zunächst eine ausreichende emotionale Beteiligung – sodann eine Intervention, die im wahrsten Sinne „merkwürdig“ genug ist.
Dabei ist eine mittlere Aktivierung unserer Emotions-Zentrale notwendig:
- Zu viel Erregung löst die Ur-Impulse flight / fight / freeze aus – Kommunikation wirkt dann als gefährliche Infektion.
- Zu wenig Erregung zeigt sich in belanglosem „Geplauder“ – Hier erreicht Kommunikation keine Aktivierung der Selbstheilungskräfte.
- Die optimale Veränderungsbereitschaft stellt sich ein, wenn Bindungs- und Sicherheitsgefühle sich die Waage halten mit Herausforderung und Aktivierung – Nur so kann Kommunikation als „Schutzimpfung“ wirken.
Die Beraterin vermittelt Struktur als Vertrauenspartnerin und bietet zugleich Reibungsfläche als Provokateurin. So kann der Klient die ermutigende Botschaft annehmen:
„Du bist in guten Händen und erfährst gleichzeitig Herausforderungen, um Dich weiter zu entwickeln.“
Mit Hilfe dieser Voraussetzungen leistet die Logotherapie Sinnfindungshilfe und ermöglicht lebenslang neue Erfahrungen – ganz im Sinne des neuroplastischen Paradigmenwechsels: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans immer mehr!“