Logotherapie konkret (Teil 1) – Kämpfen
19 07 2008Die Jura-Studentin zeigt mir ihre wunden Hände. Alles deutet auf einen klassischen Waschzwang. Als nach ein paar Gesprächen dank Paradoxer Intention die exzessiven Waschrituale in den Hintergrund treten, bricht es aus ihr heraus: „Was soll ich machen? Mein Studium interessiert mich überhaupt nicht. Ich habe es nur meinen Eltern zuliebe angefangen. Die waren total besorgt, als ich die Lehre zur Industriekauffrau geschmissen habe und mich mit Jobs über Wasser halten wollte. Aber die Paragraphenpaukerei liegt mir überhaupt nicht. Und als Beruf kann ich mir Jura erst recht nicht vorstellen. Ich sehe einfach keinen Sinn mehr…“
Hier ist Kämpfen angesagt.
Die junge Frau zweifelt im Grunde, ob sie am rechten Platz steht. Offensichtlich fällt es ihr nicht leicht, nach den bisherigen „Umwegen“ einen neuen „Anlauf“ zu nehmen. Warum verharrt sie – blockiert durch Zwänge und Ängste – in einem ungeliebten Studienfach?
Die Studentin der Rechte scheut den Kampf um ihr elementares Recht auf Fehler. Sie wagt sich nicht mehr aus der Komfortzone von Geborgenheit und Sicherheit. Die Risikozone mit dem typischen Herzklopfen und Bauchkribbeln ist für die junge Frau zur Panikzone geworden: Weil sie sich weder den unberechenbaren Chancen noch dem möglichen Scheitern aussetzen möchte. In ihren Augen haben sich die ersten vorsichtigen Ausflüge in die Erwachsenen-Welt als „Reinfälle“ erwiesen – jetzt bleibt sie lieber im Nest hocken. (Ihre Zwänge und Ängste erlauben eh´ nichts anderes!)
Hier leistet die Logotherapie Sinnfindungs-Hilfe durch Ermutigung: Losgehen – sich verirren – nach dem Weg fragen – neu orientieren – sich wieder verlaufen – einen anderen Weg einschlagen – Mitwanderer um Hilfe bitten – eine unerwartete Aussicht genießen – und sich schließlich wundern, wo man landet … So geht leben!