Warum es lohnt, die Botschaft der Depression zu entschlüsseln (Teil 4)
8 02 2009Drachen der Vergangenheit
Warum hat Dich die Flaschenpost nicht gewarnt vor den Gefahren des Meeres? Was will das Ungeheuer von Dir? Und welche Bedeutung haben die Worte im Feueratem des Ungetüms?
Weshalb „berühren“ Dich eigentlich diese Worte? Hattest Du auf Depri Island nicht geglaubt, Dich könne nie mehr etwas „berühren“?
Langsam dämmert Dir, daß es Dein Drache der Vergangenheit ist, der Dich unvermittelt heimsucht. Er kann viele Worte mit seinem feurigen Atem fauchen. Deiner spuckt Dir die drei häufigsten entgegen:
Streß – Verlust – Beschämung.
Jetzt wird Dir auch klar, daß Du diesem Drachen der Vergangenheit und seinem Feueratem standhalten mußt, um an ihm vorbeizukommen.
Da ist er wieder!
Diesmal ganz nahe.
Du nimmst all Deinen Mut zusammen und läßt den ersten Feuer-Stoß über Dich ergehen:
Streß
Blendung – Hitze – Benommenheit … Nur langsam erkennst Du die Zusammenhänge …
Schon im Mutterleib haben sich in Deinem Gehirn Netzwerke gebildet. Sie repräsentieren Deinen gesamten Erfahrungsschatz. Heute dienen sie dazu, eine aktuelle Situation zu erfassen und zu bewerten. Blitzschnell und unbewußt erfolgt eine Einschätzung, ob es sich um eine angenehme oder eine gefährliche Situation handelt. Das ist hilfreich, um die Alarmsysteme des Gehirns möglichst umgehend – oder besser noch vorauseilend – zu aktivieren.
Diese Reaktion nennt man „Streß-Antwort“. Sie ist individuell verschieden und in hohem Maße abhängig von Deinen Vorerfahrungen. Als „gefährlich“ wirst Du eine aktuelle Situation dann einstufen, wenn sie Erinnerungen an frühere Situationen wachruft, die Du als Kind alleine oder mit Hilfe einer Bezugsperson nicht bewältigen konntest. Sobald Dein Gehirn die Situation als alarmierend einordnet, kommt es zur „Streß-Antwort“.
Die Depression ist eine besondere Art der „Streß-Krankheit“. Bei ihr sind zahlreiche Alarmzentren im Gehirn aktiviert.
Bedrohliche und schmerzvolle Erfahrungen in der Lebensgeschichte haben sich Deinem Organismus in Form von speziellen „Netzwerken“ eingeprägt. Treten nun im weiteren Leben Situationen auf, die vor dem Hintergrund der frühen Erfahrungen als „gefährlich“ bewertet werden, so springen Deine körpereigenen Alarmsysteme an. Besonders durch Belastungen bei zwischenmenschlichen Beziehungen kommt es zu wiederholten „Streß-Antworten“ und dadurch zu depressiven Einbrüchen.
Belastungen in zwischenmenschlichen Beziehungen – das kennst Du gut. Deshalb trifft Dich der zweite Feuerstoß Deines Drachen nicht ganz unvorbereitet …
Verlust
Das feurige Wort treibt Dir Tränen in die Augen. Verschwommen erahnst Du, was es bedeuten könnte …
Von Anfang an wirst Du von Deiner Umwelt geprägt. Was Dich am meisten beeinflusst, sind Deine Erfahrungen mit Liebe und Anerkennung.
Manchmal wird der Wunsch des Kindes nach bedingungsloser Annahme enttäuscht: Es wird zu früh alleine gelassen mit allen Problemen, die einem Kind so widerfahren. Es ist seinen Ängsten zu früh ausgeliefert – ohne Schutz und Beruhigung. Das Kind fürchtet diese Verlassenheit und versucht, durch angepasstes Verhalten die ersehnte Aufmerksamkeit doch noch zu erhalten. Längst kein Kind mehr, stellst Du Wünsche und Bedürfnisse dafür hintenan – wenn Du sie überhaupt noch spürst.
- Du willst es allen recht machen.
- Die anderen kommen immer zuerst.
- Du lebst nur für andere.
- Die anderen können sowieso alles besser als Du.
- Es ist Deine Pflicht, die Welt zu verbessern – ohne Rücksicht auf Deine eigenen Interessen.
- Du mußt ohne Makel sein.
- Du schluckst alles – besonders Wut und Ärger.
Doch das Ergebnis Deiner Anpassung ist in der Regel nicht Anerkennung und Liebe, sondern Ausbeutung und Respektlosigkeit. Unauffällig, still, aufopfernd, geduldig wirst Du schnell zum Opfer – und im Stich gelassen. (Das Schicksal, das Du am meisten fürchtest!)
So findest Du Dich schließlich in einer Lebenssituation wieder, in der Du viel Energie dafür aufwendest, um gut zu funktionieren und die Erwartungen der anderen bestmöglich zu erfüllen – ohne selbst zu erhalten, was Du Dir am meisten wünschst.
Die beiden Feuer-Stöße „Streß“ und „Verlust“ hast Du einigermaßen überstanden. Schon glaubst Du Dich gerettet vor dem Drachen der Vergangenheit. Da bäumt er sich noch einmal vor Dir auf. Und seinem Riesenmaul entströmt der schreckliche dritte Feuer-Stoß.
Beschämung
Du bist ganz rot geworden: von der Hitze des Feuer-Wortes oder vor Scham?
Mit den vielen Formen der Beschämung kennst Du Dich nämlich gut aus:
- als ungewolltes Kind, das nie den Glanz in den Augen der Mutter gesehen hat
- als Kind, dessen Neugier als unpassend und dessen Wissensdrang als lästig abgewehrt wurde
- oder als Kind, dessen Tun oder Reden bloßgestellt wurde
- schließlich als Heranwachsender, der erfuhr: Dein Sosein, Dein Körper ist nicht o.k.
Dieses beschämte Kind ist lebendig in Dir.
Es ist im Grunde schöpferisch, vertrauensvoll, verspielt, liebevoll. Es denkt, fühlt und handelt kindhaft. Lebensfreude, Neugier, Intuition gehören ebenso zu ihm wie Angst, Wut und Schmerz.
Doch durch beschämende Erlebnisse in der Kindheit ist vieles kaputtgegangen. Deine kindlichen Gefühle wurden entwertet. Deshalb hast Du sie verdrängt und weggesperrt, um die Schmerzen und die Scham nicht spüren zu müssen. Du bist Dir selbst entfremdet – ohne Wertschätzung für Dich. Weil Du Dich selbst nicht als liebenswert empfindest, ist es Dir nur zu verständlich, daß andere Dich angeblich auch nicht wertschätzen können. Deshalb nimmst Du negative und abwertende Signale deutlicher wahr als solche, die Dir das Gegenteil zeigen könnten. So erhärtet sich Dein Urteil über dich – und Deine Scham wächst ins Unermessliche.
Es ist – bei alledem bewundernswert – wie Du Dich den drei Feuer-Stößen aus dem Rachen des Ungeheuers stellst. Wie Du dem Drachen Deiner Vergangenheit standhältst und mit dem Floß der Hoffnung an ihm vorbeiruderst …
Wieso rudern???
Das ist wirklich erstaunlich: Nachdem Du dem Drachen der Vergangenheit mutig und mit weichen Knien entgegengetreten bist, hat sich das wacklige Floß in ein solides Ruderboot verwandelt – und an Bord findest Du Proviant und Trinkwasser.
Wie herzhaft Schwarzbrot schmecken kann – und wie gut es tut, seinen Durst mit frischem Wasser zu stillen!
Du kannst es kaum glauben: Es geht Dir jetzt ein wenig besser. Anfangs fällt die zentnerschwere Last vielleicht nur für eine kurze Weile von Deinen Schultern – das permanente Grübeln tritt ab und zu in den Hintergrund – Dein Kopf fühlt sich für ein paar Stunden freier an – und ganz vorsichtig meldet sich das Gefühl: Vielleicht schaffe ich es … Ruderschlag um Ruderschlag.
Wenn doch bloß die Spukgestalten am Horizont endlich verschwinden würden!
Mußt Du Dich Ihnen vielleicht ebenso tapfer entgegenstemmen wie dem Drachen der Vergangenheit?
Wer sind sie überhaupt – und was bedeutet ihr gruseliges Raunen?
