Warum es lohnt, die Botschaft der Depression zu entschlüsseln (Teil1)

17 01 2009

Dieser Frage möchte ich in den kommenden Wochen im Logotherapie-Blog nachgehen. Erzählend – nicht trocken wissenschaftlich und dennoch auf der Höhe der Depressions-Forschung.

Wenn ich für dieses ernste Thema die leichte Form der Plauderei gewählt habe, so weiß ich mich verstanden von vielen, die sich mit tapfer mit ihrer „Depression“ auseinandersetzen. Gerade Patienten mit melancholischer Veranlagung überraschen mich nämlich immer wieder mit ihrem feinen Sinn für Humor und ihrer besonderen Begabung zur Selbst-Distanzierung.

Wollen Sie mir also folgen nach Depri Island …?

Depri Island

Warst Du schon einmal auf Depri Island?

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Schroffe Felsen. Weit und breit kein gemütliches Plätzchen zum Ausruhen. Eiskalter Wind fegt um die Klippen und bricht sich wie Hohngelächter in ihnen. Keine Farben – nur Grau in Grau. Ein düsterer Schatten über allem.

Du sitzt zusammengekauert am Rande des Abgrundes: niedergeschlagen; angespannt bis zum Zerreißen, aber trotzdem müde, kraftlos und unfähig, etwas Sinnvolles zu tun; ohne Freude – ohne Interesse – ohne Gefühle. Innerlich tot und ohne Verbindung nach außen, wie unter einer Glasglocke.

Ab und zu überfällt Dich eine grundlose Angst: Deine Kehle ist zugeschnürt, Dein Herz rast, Du glaubst verrückt zu werden oder zu sterben.

Dann bist Du plötzlich wieder erstarrt und versteinert. Nur ganz selten entlädt sich Deine Traurigkeit in Tränen oder Weinkrämpfen.

Du bist gefangen in einem Teufelskreis: Wertlosigkeitsgefühle führen zu Dauergrübeln und Selbstvorwürfen – die wiederum Deine Wertlosigkeit „beweisen“, das Dauergrübeln und die Selbstvorwürfe verstärken und so weiter … Dein Selbstwertgefühl ist auf dem Nullpunkt. Die Gedanken kreisen ständig um Deine Fehler und Misserfolge. Immer öfter drängt sich ein Gedanke auf: Wäre es nicht besser, wenn es mich nicht mehr geben würde?

Auch Dein Körper spielt verrückt: Dein Schlaf ist so schlecht, daß Du am Morgen nicht weißt, wie Du den Tag überstehen sollst. Besonders dann, wenn Atemnot, Brustbeklemmung und Herzschmerzen Deine Angst verstärken. Dir ist übel bis zum Erbrechen, schwindelig bis zum Umfallen. Dein Kopf scheint zu zerspringen, Dein Rücken zu zerbrechen – vor Schmerzen.

So sitzt Du zusammengekauert am Rande des Abgrundes.

Wenn du Dich doch wenigstens zu etwas aufraffen könntest! Doch alles ist gleichgültig, belanglos, unbedeutend. Warum also einen Entschluß fassen?

Würdest Du – nur kurz einmal – durch Deine Glasglocke aufs Meer blicken, wüsstest Du „warum“.

Denn zwischen den schwarzen Haifischflossen tanzt etwas Glänzendes auf den Wellen.

Ist es der Reflex eines einsamen Sonnenstrahls?

Schau genauer hin!

Jetzt kannst Du es erkennen: Es ist eine Flasche.

Wie kommt eine Flasche übers Meer nach Depri Island?

Du grübelst: Wahrscheinlich ist es nur Müll … Und wenn nicht? … Ach, es ist viel zu anstrengend, unter der Glasglocke hervorzukrabbeln und nachzuschauen … Und wie soll ich bloß die Flasche aus dem Meer angeln? … Ich schaffe es eh nicht … Wenn mich sowieso nichts mehr bewegt, warum soll ich mich dann bewegen? …

Die Flasche schaukelt unverdrossen auf den Wellen auf und ab. Es ist, als wolle sie Funksignale zu Dir senden.

Schließlich siegt Deine Hoffnungslosigkeit über Deinen Wunsch nach Ruhe: Wenn ich die Flasche herausgeangelt hab´, weiß ich wenigstens, daß es sinnlos war.


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2 responses to “Warum es lohnt, die Botschaft der Depression zu entschlüsseln (Teil1)”

22 01 2009
Gertrud Rességuier (15:19:38) :

Liebe Frau Dr. Tempel,
Die neuen Beiträge sind wunderbar. Ich staune, wie Sie immer neue Ideen hervorzaubern. Und ich bin gespannt, was sich auf depri-Island noch alles abspielt. Irgendwann macht ja jeder mal einen Abstecher dorthin.
Alles Gute für den Logolog im Neuen Jahr, Gertrud Rességuier

23 01 2009
Monika Tempel (15:32:01) :

Liebe Frau Rességuier,

Sie werden schon bald erfahren, wie es auf Depri Island weitergeht …
Danke für die freundliche Rückmeldung und die guten Wünsche.

Monika Tempel

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